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Eintauchen in afrikanische Lebenswirklichkeiten: Befragung afrikanischer SchülerInnen und Kameruntag

Lebenswirklichkeiten und Lebensstile europäischer & afrikanischer Jugendlicher vergleichen? Das klingt nach einer interessanten Herausforderung …

Text von Mag. Ingeborg Mautner, BRG 6 Marchettigasse, Wien

 In Form einer vergleichenden Kontraststudie zwischen dem BRG Marchettigasse in Wien und dem Collège du Levant in Douala erforschen Schüler/innen und Lehrer/innen der 6A gemeinsam mit Forscher/innen des Österreichischen Instituts für Nachhaltige Entwicklung exemplarisch eigene und fremde Lebensrealitäten, um diese in Hinblick auf ihre Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. Fragebögen werden erstellt, ins Französische übersetzt und von der Fondation AfricAvenir International in Douala für den gesellschaftlichen Kontext in Kamerun adaptiert. Die Fragebögen werden persönlich an die Schüler/innen der Abiturklasse unserer Partnerschule in Douala übergeben. Interessante Fragestellungen kommen zurück:

Comment vivez-vous en Autriche ? Quel genre de problèmes rencontrez-vous ? Que pensez-vous de l’école en Autriche ? Qu’est-ce qu’ils pensent de leur pays concernant les étrangers ? Quelle valeur défendent-ils le plus (l’amour, l’intégrité…) ? Qu’est-ce que vous faites pendant vos sorties du week-end avec vos ami(e)s ? Pourquoi certains d’entre vous aiment fumer la cigarette ? Que pensez-vous des rapports sexuels avant le mariage ? Voudrais-tu avoir un ami Camerounais ? Peux-tu donner ta vie au seigneur Jésus-Christ ? Est-ce que vous aimez le football ?

Etwa 100 Fragen afrikanischer Jugendlicher und junger Erwachsener im Alter von 15 bis 27 Jahren warten auf Antwort! Thematisch gruppiert werden sie von den Schüler/innen der 6A (15–20 Jahre) in Rahmen des Französischunterrichts ins Deutsche übersetzt. Doch was geschieht nun?

Dem Wunsch der 6A nach einem projektorientierten Geographietag wird nachgegeben und ein Kameruntag veranstaltet. Besser gesagt: ein Nachmittag, ein Abend und ein Vormittag. Die Auflösung des regulären Unterrichts für zehn Stunden gibt den Schüler/innen Zeit und Raum, sich auf Neues einzulassen. Yellow Card, ein Film von John Riber, Simbabwe, 2001, lässt sie sympathisch und authentisch in die afrikanische Welt eintauchen, Afrika erleben! Sie lernen in Form einer Dilemmageschichte den Lebensstil afrikanischer Jugendlicher kennen: Die Thematik der Talentsuche und Karrierehoffnung im Fußballsport in Dritte Welt-Ländern wird ebenso angesprochen wie erste Liebe, Aids, frühe Schwangerschaft und plötzliche Vaterrolle. Der Film berührt die Schüler/innen auf subtile Art in den eigenen Lebensrealitäten und Gefühlen und repräsentiert mit seiner für europäische Vorstellungen überraschenden Wendung authentisch afrikanisches Lebensgefühl und Werteorientierung. Spekulationen über den möglichen Ausgang der Handlung werden beim anschließenden gemeinsamen afrikanischen Essen im elterlichen Restaurant eines sudanesischen Schülers in passendem Ambiente ausgetauscht und ausführlich diskutiert: Afrika riechen, schmecken, spüren! Man palavert nicht nur über den Film, sondern auch über unterschiedliche Tischsitten und Auffassungen von Gastfreundschaft in anderen Kulturen. Interkultureller Dialog in der 6A!

 

Nun wollen die Schüler/innen mehr über afrikanische Lebenswirklichkeiten erfahren, bevor sie die Fragen der Jugendlichen aus unserer Partnerschule, dem Collège du Levant in Douala, beantworten. Mit großem Interesse partizipieren die Jugendlichen an einer interdisziplinären, multimedialen, interaktiven Präsentation, um tiefer in die afrikanische Welt einzutauchen und sich besser in die afrikanischen Fragenden hineindenken und -fühlen zu können. Natürlich entsteht dabei ein Afrikabild aus der Sicht der Vortragenden! Dies zu bedenken wird immer wieder betont: Weltsicht und Weltbild entstehen durch persönliche Wahrnehmung, und diese ist letztendlich immer subjektiv und selektiv! So fließen in diesen Vortrag Erfahrungen aus mehreren Kamerun- und Beninreisen ein, ergänzt um geographisch-historisches Wissen und weltoffene Haltung: Flug und Ankunft in Douala & Kolonialismus, Yaoundé & VR China in Afrika, Kribi & Rohstoffe für den Weltmarkt (Erdöl, Edelhölzer), Limbe & zweithöchste Niederschlagsmenge der Welt & Plantagenwirtschaft, Kirchen & afrikanische Spiritualität. Die Schüler/innen sollen Schritt für Schritt mehr und mehr afrikaspezifische Probleme erkennen und immer tiefer in die Besonderheiten der afrikanischen Welt eintauchen können.

Um eine multiperspektivische Sichtweise – in diesem Fall: Europa & Afrika – zu fördern, lesen einige Schüler/innen Texte des kamerunischen Schriftstellers und Universitätsprofessors Prince Kum’a Ndumbe III. vor, wie zum Beispiel „Brief aus Douala“, „Identitäten zwischen den Welten“, „Brief an meinen Sohn Khéops“, „Was uns die Chinesen zeigen“. Sie vermitteln dadurch die authentische afrikanische Weltsicht original deutsch – ohne Übersetzungsfilter! Dichtung afrikanischer Völker, eindringlich vorgetragen von Klaus Kinski, klagt das harte Joch der Kolonialzeit an oder gibt Einblick in die afrikanische Spiritualität, wie zum Beispiel in den Texten „Die Tamtams klopfen nicht mehr“, „Die Zeit der Qualen“, „Der Hauch der Ahnen“. Daneben laden Wandzeitungen, Zeitschriften, Bücher, kamerunische Zeitungen, geographische und historische Lexika, Atlanten und Wandkarten zur vertiefenden Beschäftigung mit Afrika ein!

Warum wird dieser Global Approach, diese umfassende Herangehensweise, gewählt? Weil sie am ehesten der afrikanischen Lebenswirklichkeit entspricht. Alles fließt ineinander! Alles ist Teil des Ganzen! Auch das Collège du Levant in Bonabéri/Douala und die vielen Fragen der afrikanischen Abiturienten! Thematisch gruppiert werden sie nach der Methode des World Café in Kleingruppen bearbeitet. So hat jede/r die Möglichkeit, ihre/seine Meinung zu äußern und von anderen Meinungen zu lernen. Dieser Impuls von außen regt ganz natürlich interessante Diskussionen über unterschiedliche Werte und Vorstellungen bei verschiedenen Kulturen und Religionen an unserer Schule an. So spiegelt zum Beispiel der umfangreiche Themenkomplex „Werte und Religion“, der in den Fragebögen unserer Schüler/innen überhaupt nicht vorgekommen ist, eine andere Lebenswirklichkeit afrikanischer Jugendlicher wider. Die Jugend in Kamerun, hier repräsentiert durch die Schüler/innen unserer Partnerschule, nimmt nämlich sehr aktiv am spirituellen und religiösen Leben in der Gemeinschaft teil! Bei uns allerdings mehren sich Schüler/innen ohne religiöse Bekenntnisse. Zu Freundschaft und Sexualität wird sehr direkt gefragt und in der 6A sehr offen diskutiert und beantwortet, wobei unterschiedliche Ansichten in der Klasse respektiert werden. Weiters wollten die Jugendlichen mehr über Lebensstil und Schule in Österreich, Politik, Welt, Fremde und Rassismus sowie Fußball wissen. Fragen und Antworten wechseln einige Male die Sprache vom Französischen ins Deutsche und wieder zurück, wodurch die Schüler/innen gleich die Schwierigkeit sinngetreuen Übersetzens, selbst bei so einfachen Anforderungen, erkennen können. Via E-Mail werden einige Schüler/innen auch weiterhin in Fremdsprachen kommunizieren und ihre Erfahrungen über unterschiedliche Lebensstile austauschen. Das hält die Schulpartnerschaft zwischen Europa & Afrika lebendig!

 

In einer abschließenden Reflexionsrunde wird deutlich, dass das herrschende Afrika-Klischee bei einigen Schüler/innen etwas aufgeweicht wurde und ihre Sicht auf den afrikanischen Kontinent differenzierter geworden ist. Ebenso ist eine nachhaltige Diskussion unter den Schüler/innen der 6A über mögliche andere Lebensstile initiiert. Bezug nehmend auf den Film „Yellow Card“ meint eine Schüler/in, dass das Leben dort viel besser sei als bei uns … mit Problemen in der Familie wird anders umgegangen … Ja, vielleicht können wir von Afrika mehr lernen, als wir glauben!

Die Schüler/innen bedanken sich ausdrücklich für diesen interessanten Tag, so sollte Schule öfter sein!

16. Juni 2010, 17:42 Trackback-URL, RSS 2.0 für diesen Eintrag.

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